Als Irans oberster Führer Ali Chamenei im Mai 1989 zu einem Staatsbesuch nach China reiste, war es seine erste und zugleich letzte Auslandsreise als religiöses und politisches Oberhaupt der Islamischen Republik. Seitdem hatte der Mann, der den Iran mehr als drei Jahrzehnte lang prägte, das Land nicht mehr verlassen. Der Besuch symbolisierte damals eine Annäherung zweier Staaten, die sich beide im Konflikt mit dem Westen sahen. Umso bemerkenswerter ist heute die Reaktion aus Peking: Nachdem Chamenei vergangene Woche durch amerikanische und israelische Angriffe starb (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article69a7a1480d924a7f0f934e78/iran-chamenei-sohn-modschtaba-hat-beste-chancen-auf-die-macht.html) , beschränkt sich China auf diplomatische Proteste – und hält sich ansonsten auffallend zurück. Das chinesische Außenministerium sprach nach der Tötung des Ajatollahs von einem „schweren Verstoß gegen die Souveränität Irans“ und erklärte, das Vorgehen missachte die „Ziele und Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen“. Jenseits solcher Erklärungen bleibt Pekings Unterstützung jedoch begrenzt. Es gibt keine militärische Hilfe, keine Sicherheitsgarantien und keinen Versuch, aktiv in den Konflikt einzugreifen. Das ist erstaunlich, denn die Beziehungen der beiden Länder sind eng. Seit den 2010er-Jahren hat sich China zum wichtigsten Handelspartner des Iran entwickelt. Nach Schätzungen internationaler Energieanalysten gingen zuletzt mehr als 80 Prozent der iranischen Ölexporte an chinesische Käufer – häufig über Umwege (verlinkt auf https://www.welt.de/wirtschaft/plus695bd586b0086aa64be6f87d/oel-die-geheime-flotte-der-autokraten-so-umgehen-schattentanker-sanktionen.html) , um amerikanische Sanktionen zu umgehen. Im März 2021 unterzeichneten beide Staaten zudem ein umfassendes 25-jähriges Kooperationsabkommen, das chinesische Investitionen in iranische Energie-, Infrastruktur- und Technologieprojekte vorsieht. Gerade deshalb überrascht Pekings Zurückhaltung viele Beobachter. In Teilen der amerikanischen Politik wird argumentiert, der Angriff auf Teheran treffe indirekt auch China, weil er einen engen strategischen Partner schwäche. Aus Sicht der chinesischen Führung ist die Lage allerdings komplexer. Der Iran ist für Peking wichtig – aber nicht unersetzlich. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat China seine Energieversorgung zunehmend diversifiziert. Neben dem Iran gehören heute Saudi-Arabien, Russland, der Irak und die Vereinigten Arabischen Emirate zu den wichtigsten Öllieferanten. Laut Daten der Internationalen Energieagentur war China im Jahr 2024 der weltweit größte Importeur von Rohöl, bezog seine Lieferungen jedoch aus einem breiten Netzwerk von Produzenten. Gleichzeitig steigt im Inland der Anteil von Elektrofahrzeugen rapide, was den langfristigen Ölbedarf bremsen dürfte. Für Peking ist iranisches Öl deshalb nur ein Teil eines deutlich breiteren Energiemixes. Hinzu kommt ein geopolitischer Balanceakt. Während der Iran politisch oft als Partner gegen amerikanischen Einfluss gilt, hat China seine wirtschaftlichen Beziehungen zu den arabischen Golfstaaten in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate gehören heute zu den wichtigsten Investitionspartnern Pekings in der Region. Große chinesische Infrastrukturprojekte, Industrieparks und Technologiekooperationen befinden sich dort. Ein offener Schulterschluss mit Teheran würde diese Beziehungen gefährden – und damit wirtschaftliche Interessen, die für China deutlich größer sind als jene im Iran. Auch deshalb bleibt Pekings Unterstützung für Teheran rhetorisch. In einem Telefonat mit seinem iranischen Amtskollegen Abbas Araghtschi bekräftigte Außenminister Wang Yi die „traditionelle Freundschaft“ zwischen beiden Ländern und erklärte, China unterstütze den Iran bei der Wahrung seiner „Souveränität, Sicherheit und territorialen Integrität“. Peking rufe die Konfliktparteien dazu auf, „die militärischen Handlungen unverzüglich einzustellen, eine weitere Eskalation zu vermeiden und den Dialog wieder aufzunehmen“, erklärte das Außenministerium. Sorge um Schiffsverkehr Besonders aufmerksam verfolgt Peking die Lage in der Straße von Hormus (verlinkt auf https://www.welt.de/wirtschaft/article69a8987c56359c50ca10f797/strasse-von-hormus-trumps-sicherheitsplan-fuer-den-welthandel-und-seine-risiken.html) . Die Meerenge zwischen dem Iran und Oman gilt als eine der weltweit wichtigsten Energieadern. Drohungen iranischer Revolutionsgarden, die Route im Konfliktfall zu blockieren, lösen auch in China große Besorgnis aus. Eine Unterbrechung der Lieferungen würde auch die chinesische Wirtschaft treffen. „Energiesicherheit ist wichtig für die Weltwirtschaft“, sagte Außenamtssprecherin Mao Ning in Peking und forderte alle Seiten auf, stabile Energielieferungen zu gewährleisten. Der Konflikt wird zunehmend auch im Kontext der strategischen Rivalität zwischen den USA und China diskutiert. Einige Sicherheitsexperten warnen, dass ein längerer Krieg im Nahen Osten Washingtons militärische Ressourcen binden könnte. Bereits jetzt sind erhebliche US-Marinekapazitäten in der Region (verlinkt auf https://www.welt.de/wirtschaft/article69a6cc1ca9e2cfaca3eb44d1/iranischer-drohnentraeger-usa-versenken-groesstes-kriegsschiffs-seit-dem-2-weltkrieg.html) stationiert. Verbündete in Asien befürchten deshalb, dass eine dauerhafte Eskalation die Abschreckung im Indo-Pazifik schwächen könnte. Japanische und taiwanische Politiker äußern die Sorge, Washington könne militärisch „überdehnt“ werden. Ein solches Szenario hätte historische Parallelen: Während der US-Kriege im Irak und in Afghanistan profitierte China indirekt davon, dass Washington über Jahre stark im Nahen Osten gebunden war. Es konnte seine Wirtschaft stark ausbauen, seine Armee modernisieren, seinen Einfluss im Südchinesischen Meer ausweiten und seinen Druck auf Taiwan graduell erhöhen. Gleichzeitig versucht Peking, sich politische Spielräume für die Zeit nach dem Konflikt offen zu halten. China hat bislang wenig direkt in den Iran investiert, obwohl zahlreiche Projekte angekündigt wurden. Sollte sich die politische Lage künftig stabilisieren oder internationale Sanktionen gelockert werden, könnten chinesische Unternehmen beim Wiederaufbau eine wichtige Rolle spielen. Infrastruktur, Energieanlagen und Verkehrsnetze gehören zu den Bereichen, in denen chinesische Firmen weltweit besonders aktiv sind. Für China ist der Iran-Krieg also in erster Linie ein geopolitischer Balanceakt. Während die Kämpfe andauern, verhält sich Peking deshalb wie ein Zuschauer, wartet die Zukunft des Regimes ab – und hofft auf eine wichtige Rolle in einem Nachkriegs-Iran. Christina zur Nedden (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/christina-zur-nedden/) ist China- und Asienkorrespondentin. Seit 2020 berichtet sie im Auftrag von WELT aus Ost- und Südostasien.